Digitale Teilhabe für gehörlose Menschen: Barrieren und Lösungen
Shownotes
Links zur Folge:
- Tess-Relay-Dienste für hörgeschädigte Menschen: bundesweiter Telefon-Vermittlungsdienst mit Dolmetschleistungen in Deutscher Gebärdensprache (TeSign) und Schriftsprache (TeScript).
- Hand drauf: Ein Instagram-Kanal mit Informationen von und für die gehörlose Community.
- Deutscher Gehörlosenbund: Anlaufstelle für Informationen und Vernetzung.
Allgemeine Links:
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Moderator: Dennis BruderGästinnen: Sabine Broweleit, Ann-Cathrin Hompesch (vom Tess-Gebärdensprachdolmetscherdienst)Gebärdensprachdolmetscherin: Sunanne DürkoppIntro: Alexandra Gödeke
Ann-Cathrin Hompesch (Zitat mit Musikuntermalung)
Im digitalen Bereich gibt es ja unterschiedliche Bereiche. Es gibt das Fernsehen. Wenn ich als Gehörlose oder taube Frau im Fernsehen was sehen möchte, muss ich hauptsächlich ins Internet schauen. Auch Untertitelungen gibt es ja im Fernsehen zum Teil, aber die sind für Gehörlose oft sehr unpraktisch. Es gibt auch Apps. Es gibt sehr, sehr viele App-Angebote, ja. Auch da stoßen Gehörlose aber ständig auf Barrieren. weil dann innerhalb der Apps gar keine Gebärdensprache vorhanden ist. Insofern gibt es im digitalen Bereich sehr wenig und sonst wirklich nur explizit im Internet auf Suche Angebote für Gehörlose.
Alexandra Gödeke (Podcast-Intro)
BarriereLos, der Podcast für barrierefreie Lösungen im digitalen Raum.
Dennis Bruder
Hallo und willkommen zu BarriereLos, dem Podcast zur digitalen Barrierefreiheit. Mein Name ist Dennis Bruder von der Beratungsstelle Barrierefreiheit in Bayern und auf das heutige Interview und das heutige Thema des Podcasts freue ich mich schon seit längerer Zeit aus einem ganz bestimmten Grund. Wir haben nämlich ein Novum in dieser Sendung. Zum ersten Mal behandeln wir das Thema Gehörlosigkeit im digitalen Raum. Also wie bewegen sich gehörlose Menschen in der digitalen Welt, auf welche Barrieren stoßen sie und wie sehen auch mögliche Lösungen. und Unterstützungsmöglichkeiten aus. Und auch zum ersten Mal in diesem Kontext haben wir eine gehörlose Interviewpartnerin mit Anne-Kathrin Hompesch in unserem Podcast. Wie genau wir das in diesem Interview dann aber machen, dazu komme ich gleich. Wir haben nämlich nicht nur Anne-Kathrin Hompesch eingeladen, sondern auch noch zwei weitere Interviewpersonen. nämlich Sabine Brauweleit, Geschäftsführerin des TESS Gebärdensprachdolmetscherdienstes und die Gebärdensprachdolmetscherin Susanne Dürkop. Hallo ihr drei erst mal und vielleicht könnt ihr euch auch noch mal kurz vorstellen.
Sabine Broweleit
Ja, hallo Dennis. Danke, dass wir heute deine Interviewpartnerin sein dürfen. Wir sind... Sehr gespannt auf das Ergebnis und jetzt auf unsere 20 oder 30 Minuten. Ich bin Sabine, Sabine Proveleit. Das hast du ja gerade schon gesagt. Ich bin die Geschäftsführerin der Test-Relay-Dienste GmbH und arbeite seit mittlerweile 31 Jahren zusammen mit höhbehinderten Menschen.
Ann-Cathrin Hompesch
Hallo Dennis, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich, dabei sein zu können. Ich bin das erste Mal generell in einem Podcast dabei. Susanne übersetzt für mich. Mein Name ist Anni Hompesch. Ich bin taub und ich arbeite im Kundenservice für Tess und Telesign, für die Telefondolmetschdienste, die heute unter anderem ja vorgestellt werden. Und ich berate KundInnen. Ich berate aber auch Dolmetschende, die Unterstützung brauchen in unterschiedlichen Themen. Außerdem besuche ich unterschiedliche Institutionen, wie zum Beispiel Gehörlosen-Schulen, um über die Dienste TESS und TELESIGN zu informieren und besuche auch Gehörlosenvereine von Zeit zu Zeit, um unsere Dienste dort vorzustellen.
Dennis Bruder
Vielen Dank und vielleicht, Susanne, magst du dich auch noch ganz kurz vorstellen, der Vollständigkeit-Reiber?
Susanne Dürkop
Hallo, ich bin Susanne Dürkop. Ich bin heute die Gebärdensprachdolmetscherin, arbeite inzwischen auch schon, habe ich festgestellt, über 25 Jahre in diesem Beruf.
Dennis Bruder
Ja, wunderbar. Also man kann sich jetzt vielleicht vorstellen, wie das Setting ausschaut. Ihr sitzt zu dritt in einem Raum und ich führe das Gespräch mit zwei Personen nur, nämlich mit dir, Sabine. Und mit dir, Anni. Und genau, Susanne übersetzt. Und ja, dann komme ich auch zu meiner ersten Frage. Und ganz zum Anfang der Folge will ich mal so ein bisschen über die Lebensrealität von gehörlosen Menschen im digitalen Raum reden. Und daher geht meine erste Frage dann auch an dich, Anni. Wie bewegst du dich im digitalen Raum? Gibt es irgendwelche Besonderheiten, auf die du da triffst? Vielleicht kannst du das mal ein bisschen beschreiben.
Ann-Cathrin Hompesch
Ja, gerne. Im digitalen Bereich gibt es ja unterschiedliche Bereiche. Es gibt das Fernsehen. Da gibt es natürlich nicht so viele barrierefreie Angebote für gehörlose oder taube Menschen. Wenn ich als gehörlose oder taube Frau im Fernsehen was sehen möchte, muss ich hauptsächlich ins Internet schauen, weil ich Gebärdensprache im Fernsehen selber nicht finde, sondern wenn ich Gebärdensprachangebote finde. dann muss ich im Internet nachschauen. Auch Untertitelungen gibt es ja im Fernsehen zum Teil, aber die sind für Gehörlose oft sehr unpraktisch. Es gibt auch Apps. Es gibt sehr, sehr viele App-Angebote. Auch da stoßen Gehörlose aber ständig auf Barrieren, weil dann innerhalb der Apps gar keine Gebärdensprache vorhanden ist. Oder wie jetzt für unser Podcast zum Beispiel, den kann man nur hören. Da wird gar nicht irgendwie auch nicht mit Texten hinterlegt oder mit Gebärdensprache hinterlegt. Insofern gibt es im digitalen Bereich sehr wenig und sonst wirklich nur explizit im Internet auf Suche Angebote für Gehörlose.
Dennis Bruder
Ja, das ist schon mal ein guter Hinweis. Vielleicht, Anni, kannst du in dem Zusammenhang auch mal erklären, warum Gebärdensprache auch so eine entscheidende Rolle spielt. Man könnte ja auch denken, so eine App, da kann man ja den Text einfach lesen, das könnte ja auch reichen. Oder bei dem Video kann man sich den Untertitel angucken. Aber warum ist die Übersetzung in Gebärdensprache auch so wichtig?
Ann-Cathrin Hompesch
Ja, wir taube oder gehörlosen Menschen betrachten die Gebärdensprache als unsere Muttersprache und möchten natürlich auch gerne... Texte in Gebärdensprache angeboten bekommen. Also viele Gehörlose verstehen einfach Texte, geschriebene Texte auch nicht wirklich zu 100 Prozent, sondern brauchen Angebote, z.B. Angebote in ihrer Sprache, nämlich der Gebärdensprache, um sie wirklich gut zu verstehen inhaltlich. Man darf auch nicht vergessen, Gebärdensprache als eigene Sprache hat auch eine eigene Grammatik. Und Gehörlose haben halt durch diese Sprache, die sie verwenden, nämlich die Gebärdensprache, eine eigene Identität und Kultur. Also wir identifizieren uns ja auch mit der Gebärdensprache und mit unserer speziellen visuellen Gehörlosenkultur. Wir zeichnen diese Gruppe der Menschen, der gehörlosen Gemeinschaft als Deaf Community.
Dennis Bruder
Danke schon mal für die Einordnung. Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiges Thema. Wenn du jetzt so an den Alltag in deinem digitalen Leben denkst, also du hast ja schon ein paar Barrieren gerade genannt, aber wir alle nutzen ja digitale Angebote im Alltag ständig. Wie oft und wo stößt du da meistens auf Barrieren?
Ann-Cathrin Hompesch
Eigentlich kann ich sagen, fast überall im Alltag. Die einzige Unterstützung ist bei uns zum Beispiel, für uns Gehörlose gibt es viele Angebote bei Facebook und Instagram. Dort bieten Gehörlose selber für andere Gehörlose Informationen an. Es gibt tatsächlich Gehörlose-InfluencerInnen. Zum Beispiel gibt es eine App von, bei Instagram gibt es die Gruppe Hand drauf. Die senden sehr, sehr viele Informationen und da, das schauen sehr viele Gehörlose. Also das ist für uns sehr wertvoll, diese Kanäle Instagram und Facebook, da holen wir uns viele Informationen, wir Gehörlose von anderen Gehörlosen.
Dennis Bruder
Ja, das ist natürlich der Vorteil von Social Media Plattformen, dass sich der Algorithmus da seinen eigenen Content auch zieht. Andererseits ist man dann natürlich auch... in seiner gehörlosen Bubble wieder, die natürlich auch existiert und auf viele andere Inhalte hat man dann wiederum keinen Zugriff. Wie erlebst du denn, möchtest du dazu noch was sagen?
Ann-Cathrin Hompesch
Ja, vielleicht ganz kurz. Also andere Homepages sind ja in der Regel nicht barrierefrei aufgebaut. Es gibt natürlich Behörden, die gewissen gesetzlichen Zwängen unterliegen und Gebärdensprache einblenden müssen. Da findet man Hinweise auf Inhalte in Gebärdensprache, ja. Aber wenn ich einfach mir eine Homepage anschauen möchte, irgendeine von einer privaten Person oder von einer Person, die nicht an gesetzliche Regelungen gebunden ist, gibt es in der Regel keine Informationen in Gebärdensprache. Bis heute nicht.
Dennis Bruder
Das stimmt, da sind die meisten, vor allem öffentlichen Stellen, dann doch so im Bereich der Mindestanforderungen unterwegs, wenn überhaupt, und stellen dann vielleicht nur eine Sektion oder so in Gebärdensprache zur Verfügung. Wenn es aber auch wünschens wäre, alle Webseiten oder alle Inhalte auch zur Verfügung zu stellen. Also das ist sicherlich auch ein großes To-Do, das gesellschaftlich eigentlich existiert. Wenn man jetzt trotzdem darüber nachdenkt, man kann da nicht ganz repräsentativ natürlich über alle sprechen, aber nutzt du dann Texte in Sprache nur ungern oder gar nicht? Oder wie geht das so in der Community bei deinen Freunden oder Kolleginnen, die eben auch gehörlos sind? Kommt man da schon irgendwie zurecht oder sagt man, es gibt keine Angebote? dann kann ich da auch nicht drauf zugreifen.
Ann-Cathrin Hompesch
Es kommt immer auf den Kontext an, würde ich sagen. Also es gibt Texte, keine Ahnung, so behördliche Texte zum Beispiel. Da gehe ich mit zur Sozialberatung und lasse mich von anderen Personen beraten, was diese Texte bedeuten tatsächlich. Im privaten Rahmen, wenn ich da Texte nicht verstehe, kann ich... inzwischen mit Hilfe von KI, zum Beispiel von ChatGPT, mir Texte auch in leichte Sprache übersetzen lassen. Bei kurzen Texten funktioniert das ganz gut, im privaten Bereich zum Beispiel. Oder ich frage Freunde, Freundinnen von mir, ob sie die Inhalte verstehen. Also ich weiß nicht, ob ich mir Hilfe holen kann.
Dennis Bruder
Das ist schon mal gut. Da ist auch ein kleines Stichwort gefallen, auf das wollte ich später eigentlich noch mal zu sprechen kommen, aber ich glaube, Ich mache es jetzt gleich. Und zwar das Stichwort KI und automatisierte Übersetzungen. Du hast es jetzt gerade schon mal angesprochen, das Thema einfache Sprache oder leichte Sprache. Das ist ja was, was in der Community vielfach diskutiert ist, nicht nur bei gehörlosen Menschen, sondern auch bei Menschen mit Lernschwierigkeiten. Wie gut empfindest du diese Übersetzungen?
Ann-Cathrin Hompesch
Also nicht wirklich unbedingt gut. Ein Traum wäre natürlich, wenn die... KI mehr Texte in Gebärdensprache beantworten könnte. Also ein neuer schriftlicher Text birgt natürlich neue Risiken. Im Zweifel ist es ein sehr stark verkürzter Text und optimal ist die Übersetzung meistens nicht. Und wir wissen natürlich auch nicht, ob alles stimmt. Also die KI übersetzt ja auch viele Dinge falsch. Also wir müssen im Zweifel die Inhalte auch immer wieder überprüfen, die uns von der KI angeboten werden.
Sabine Broweleit
Und wenn ich da vielleicht eine Sache einfügen darf, Dennis, ich gucke Anni jetzt auch dabei an, damit ich jetzt nichts Verkehrtes sage. Leichte Sprache und einfache Sprache ist letztendlich für gehörlose Menschen nur ein Hilfsmittel, ein guter Kompromiss, der vorhanden ist. Aber es ersetzt nicht den Bedarf an Kommunikation und an Unterstützung in Bezug auf das Verstehen. Weil da ist es letztendlich wirklich absolutes... wichtig und für gehörlose Menschen notwendig, selbstverständlich zu sagen, Gebärdensprachvideos sind das beste Mittel für die Übersetzung.
Ann-Cathrin Hompesch
Genau, vielleicht noch mal von mir. Das ist halt unsere Realität. Also wir stoßen auf Barrieren, es gibt keine gebärdensprachlichen Übersetzungen, deswegen behelfen wir uns zum Beispiel mit ChatGPT. Aber ein Traum wäre natürlich, wenn alles irgendwie in Gebärdensprache verfügbar wäre.
Dennis Bruder
Ja, es gibt ja dann auch noch was, was ja auch in der Community diskutiert wird, nämlich die sogenannten Avatare. Das wäre ja dann theoretisch genau diese Übersetzung von Text oder von Inhalten in Gebärdensprache über eine KI oder über ein Programm. Wie schätzt ihr denn das ein? Wie weit sind Avatare und haben sie überhaupt das Potenzial, dort hinzukommen, dass sie brauchbar sind?
Sabine Broweleit
Also das ist ein Thema, Dennis. Also okay, das finde ich ganz spannend, weil das wird natürlich ganz, ganz kontrovers diskutiert. Wo ist die Grenze eines Avatars? Und jetzt möchte ich Anni nicht vorgreifen, weil das ist ihr Thema. Und wo ist das, was ich möchte in Bezug auf Kommunikation und Übersetzung? Anni, du bist dran.
Ann-Cathrin Hompesch
Ich finde Avatare zum Beispiel super bei immer gleichen Inhalten. Wenn ich zum Beispiel zu einer Behörde gehe und irgendwie zum Beispiel so etwas mich anmelden muss an einem Bildschirm mit Tastatur, wo immer gleiche Inhalte dann zum Beispiel in Gebärdensprache an mich wiedergegeben werden. Wo soll ich hin? Dann klicke ich darauf und dann wird mir durch einen Avatar zum Beispiel vielleicht angezeigt, wo ich hin soll oder eine kurze Info gegeben, wo ich was finde. Oder am Bahnhof zum Beispiel wäre es großartig, wenn Zugverspätungen, Gleiswechsel oder ähnliches durch Avatare auch in Gebärdensprache angezeigt werden könnten. Also weißt du, sowas in der Art, so immer wiederkehrende Informationen oder auf Homepages wichtige Informationen, kann man, finde ich, könnten gerne durch Avatare eingeblendet werden. Aber Avatare sind für mich kein Ersatz für Gebärdensprache oder Gebärdensprachdolmetsche. Dolmetschenende. Weil also zumindest bisher kann man mit Avataren nicht aktiv und direkt kommunizieren als gehörloser Mensch.
Dennis Bruder
Das ist eine, glaube ich, wichtige Einordnung, dass die Avatare, weil wir bekommen in der Beratung auch immer mal wieder die Frage, naja, reicht es denn vielleicht auch, einfach in meine Webseite so ein Avatar einzubauen oder überhaupt die Videos dann durch einen Avatar? übersetzen zu lassen und was wir jetzt auch immer gehört haben, ist nein, es reicht nicht, weil einfach auch so viele Informationsmöglichkeiten auf der Strecke bleiben. Da sind die Avatare einfach auch noch nicht gut genug. Dann würde ich zum nächsten Themenblock kommen und Sabine, dich nun gerne ein bisschen in den Fokus nehmen. Und zwar habt ihr ja von Tess einen Dolmetschenden Dienst und eben dort die Möglichkeit für alle Menschen mit gehörlosen Menschen digital oder über das Telefon zu kommunizieren. Was verbirgt sich denn hinter der Idee? Vielleicht kannst du das einfach mal ein bisschen erklären, was ihr da macht.
Sabine Broweleit
Ja, also letztendlich ist der Grund dafür, dass es uns gibt und dass wir das Dolmetschen anbieten, eine barrierefreie Telekommunikation für hörebehinderte Menschen. zu ermöglichen. Also das Ziel ist zu sagen, gleichberechtigte Teilhabe muss es auch im Bereich des Telefonierens geben. Ich finde es ganz interessant, wir selber bezeichnen uns als Dolmetschdienst. Wir haben im Übrigen nicht nur einen gebärdensprachlichen Dolmetschdienst, sondern wir haben auch einen Dolmetschdienst in Schriftsprache, weil es gibt auch sehr, sehr viele Menschen, die so stark schwerhörig sind oder ertaubt sind, dass sie eben nicht auf normalen Wege telefonieren können, die aber keine Gebärdensprache haben. Kompetenz haben. Bei mir muss man immer ein bisschen aufpassen, dass ich nicht zu weit aushole, weil die Frage ist immer, was versteht man darunter, wenn man über Gehörlosigkeit spricht? Was bedeutet das? Und ich weiß, das kenne ich so aus meiner eigenen Biografie, dass ganz viele hörende Menschen denken, ein Mensch, der nicht hört, der kann automatisch Gebärdensprache. Das ist falsch. Denn es gibt ganz viele Menschen, die auch erst im Erwachsenenalter ihr Gehör komplett verlieren, dann spricht man von einer Taubheit. Bei den Menschen kann man davon ausgehen, dass sie nie sich für die Gebärdensprache entscheiden, so wie Anni das vorhin gesagt hat. Für sie ist Gebärdensprache ihre Muttersprache, sie ist in der Gebärdensprachgemeinschaft sozialisiert. Das trifft aber nicht für alle Menschen zu, die eben eine so starke Hörschädigung haben, dass man eben da schon von einer Enttaubung spricht. Ja, und uns ist es wichtig zu sagen, Telefonieren muss auch für Menschen mit Hörbehinderung möglich sein. Und das haben wir zusammen mit der Deutschen Gesellschaft vor mittlerweile fast über 20 Jahren begonnen, zum Thema zu machen. Wir haben uns gefragt, haben Hörbehinderte Menschen einen Rechtsanspruch aufs Telefonieren? Und das haben wir mit einem Rechtsgutachten klären lassen. Und das Ergebnis war ja, es gibt darauf einen Anspruch. Und dann sind wir... als Deutsche Gesellschaft der Hörbehinderten losgegangen und haben Lobbyarbeit betrieben, haben Überzeugungsarbeit geleistet und haben gesagt, das Recht ist vorhanden und wir möchten gerne, dass das eben auch gesetzlich verankert wird und umgesetzt wird, dass es eben auch ein Angebot an Dolmetschdiensten gibt. Und so sind die Dienste entstanden. Ich rede immer von Mehrzahl. Also zum einen haben wir einen Schriftdolmetschdienst, der nennt sich T-Script. Wir haben einen Gebärdensprachdolmetschdienst, der nennt sich T-Sign und es gibt einen dritten Dolmetschdienst hier bei uns in Deutschland, der noch älter ist als TESS, der ist schon 1999 entstanden. Das ist die Firma TELESIGN, die ausschließlich Gebärdensprachdolmetschen im beruflichen Kontext anbietet.
Dennis Bruder
Wenn du so ein bisschen beschreiben könntest, wer sind denn die Leute, die sich da so üblicherweise melden? Sind es in erster Linie eben gehörlose Menschen oder melden sich auch Menschen, die hören können, aber dann wiederum mit gehörlosen Menschen kommunizieren wollen? Oder welche Settings gibt es denn da so üblicherweise? Oder kann man darüber gar nicht sagen, dass es da so übliche Settings gibt?
Sabine Broweleit
Das übliche Setting ist... dass gehörlose Menschen über unseren Telefon-Dolmetschdienst hörende Menschen anrufen. Das ist das übliche Setting. Der umgekehrte Weg ist technisch möglich und gewollt, der findet aber weit auch seltener statt. Das Klientel bei uns im Dienst, also sind die Menschen jetzt gehörlos, sind sie schwerhörig, sind sie taub, wissen wir nicht. Was wir wissen ist, sind sie Gebärdensprachnutzer oder nicht. Nutzen sie den gebärdensprachlichen Dolmetschdienst oder nutzen sie den Schriftdolmetschdienst. Was wir da auf jeden Fall sagen können ist, dass weitaus mehr unserer Kunden den gebärdensprachlichen Dolmetschdienst nutzen und nicht den Schriftdolmetschdienst nutzen. Und vom Kommunikationsablauf her musst du dir das so vorstellen, dass wir für unsere Kunden, für die hörbehinderten Menschen, eine Software anbieten. Meistens wird die App genutzt, die wir zur Verfügung stellen. Und über diese App, jetzt bin ich wieder bei dem Gebärdensprachlichen Dolmetschdienst und jetzt nehme ich mal Anni als Beispiel, weil sie sitzt hier neben mir. Anni würde über die App und einen entsprechenden Telefonbucheintrag in der App unseren Gebärdensprachlichen Dolmetschdienst T-Sign anrufen. Und es wird eine Bildverbindung aufgebaut zur Gebärdensprachdolmetscherin oder dem Gebärdensprachdolmetscher und dann gebärdet Anni ihren. Telefonwunsch. Sie sagt, wen sie anrufen möchte, sie sagt die Telefonnummer. Das ist auch von den Kunden und Nutzern her individuell. Vielleicht sagt sie auch noch ganz kurz was, worum es geht. Und dann, weil du gerade am Anfang sagtest, wir reden über, ich glaube, du hast gesagt, wir reden über Telefonieren und wir reden über digitale Medien. Bei uns wird immer telefoniert, ins sogenannte Festnetz telefoniert oder Mobilfunknetz, weil dann ruft die Gebärdensprachdolmetscherin Sprachdolmetscherin oder der Gebärdensprachdolmetscherin. Sprachdolmetscher die hörende Gesprächsperson an. Und das ganz normal über eine Telefonnummer. Und in dem Moment, wo der Hörende das Telefonat entgegennimmt, wird ganz kurz unser Dolmetschdienst vorgestellt. Die Situation wird erklärt, was passiert jetzt. Und dann übersetzt die Dolmetscherin oder der Dolmetscher das Telefonat.
Dennis Bruder
Habt ihr auch schon Settings gehabt, wo ihr per Video schaltet? Also es gibt ja eine ganze Menge. Videodienste, dass ihr solche Settings mit einbedenkt oder geht es wirklich nur ums Telefon?
Sabine Broweleit
Also das ist der staatliche Auftrag, den wir auch haben. Wir sind über eine öffentliche Ausschreibung von der Bundesnetzagentur damit beauftragt worden, einen Telefondormatchdienst bereitzustellen und keinen Videodormatchdienst bereitzustellen. Also Corona hat die Grenzen ja schwimmend gemacht und das ist ganz spannend, wenn man das mal so ein bisschen recherchiert, was bedeutet eigentlich... Das Wort telefonieren. Und durch Corona sind ja auch hörende Menschen immer mehr gewöhnt daran, dass Telefonieren nicht nur eine Audio-Verbindung beinhaltet, sondern eben auch eine Bildverbindung. Aber letztendlich unterscheiden wir das sehr wohl und sagen, wir müssen realisieren, dass hörbehinderte Menschen telefonieren können. Wir dürfen nicht realisieren, dass hörbehinderte Menschen über uns sogenanntes Ferndorm matchen. Ich weiß nicht, ob du dir unter dem Begriff was vorstellen kannst?
Dennis Bruder
Ich kann es mir vorstellen, dass man quasi über eine Videoschalte einen Gebärdensprachdolmetscher oder Dolmetscherin bekommt, oder?
Sabine Broweleit
Ja, genau. Dass der Hörende und gehörlose Gesprächspersonen sind in einem Raum und holen sich eben aus der Ferne den Dolmetscher dazu. Das nennen wir bei uns Ferndolmetschen. Das ist ein Ersatz für Präsenzdolmetschen. Hier gerade im Raum findet Präsenzdolmetschen statt. Susanne sitzt bei uns. Wir sind alle drei in einem Raum. Fan-Dolmetschen ersetzt Präsenz-Dolmetschen und die Finanzierung des Telefon-Dolmetsch-Dienst ist dafür nicht gedacht. Ich weiß nicht, Dennis, kennst du die Honorarsätze für Gebärdensprach-Dolmetschen?
Dennis Bruder
Aus dem Ärmel kann ich es dir nicht schütteln, aber es ist nicht so niedrig. Ja.
Sabine Broweleit
Also eine Gebärdensprach-Dolmetscherstunde kostet in der Regel seit Sommer dieses Jahres 93 Euro. Dann ist es häufig so, dass Dolmetscher, wenn es ein Gebärdensprachdolmetsch-Einsatz ist, der eine Stunde dauert, meistens auch über eine halbe Stunde, dauert aber ein Gebärdensprachdolmetschende in Doppelbesetzung. Also es sind relativ hohe Kosten in Anführungsstrichen, für die es zum Glück auch für viele Bereiche Kostenträger gibt. Aber wir werden finanziert aus dem wirtschaftlichen Bereich, also über die Telekommunikationsunternehmen. Und die Telekommunikationsunternehmen haben keine... Beauftragung Präsenzdolmetschen zu finanzieren. Und das ist der Grund, warum wir da auch ziemlich streng in Anführungsstrichen trennen müssen. Eine Stunde oder anders, eine Minute Dolmetschen über die Test-Relay-Dienste für den privaten Bereich kostet 14 Cent. Und hörbehinderte Menschen haben Freiminuten. Also die haben in diesem Jahr 30 Freiminuten monatlich, ab nächstem Jahr haben sie schon 40 Freiminuten monatlich und dann muss man die Relation sehen zu einem... zu einer Gesprächsgebühr von 14 Cent pro Minute und zu Dolmetscherkosten von mindestens 93 Euro die Stunde. Und dann hat man so ein bisschen ein Gefühl dafür, über welche Preise man redet und wer für was verantwortlich ist in Bezug auf die Finanzierung und Bereitstellung.
Dennis Bruder
Okay, wie findet man euren Dienst? Wie kommt man auf euch? Habt ihr eine Webseite? Ist die Webseite auch in Gebärdensprachen nochmal gedolmetscht? Wie macht ihr das? Wie verbreitet ihr euer Angebot?
Sabine Broweleit
Wir haben eine Webseite. Wir sind auch bei Social Media vertreten, bei Instagram und bei Facebook. Und ansonsten, ich schaue jetzt auch wieder in Richtung Anni, ist das ganz viel Mundpropaganda. Es spricht sich herum, dass es unsere Dolmetschdienste gibt.
Dennis Bruder
Okay.
Ann-Cathrin Hompesch
Genau. Man darf nicht vergessen, die Gehörlosenwelt ist ziemlich klein. Solche Dinge verbreiten sich sehr schnell, ja. Mundpropaganda, sehr viel. Dann natürlich auch, was ich bereits erklärt habe, auch, ich fahre ja selber auch in gehörlosen Vereine oder in Schulen und stelle unsere Dienste vor.
Dennis Bruder
Okay, also häufig der direkte Weg. Kommen wir trotzdem nochmal in Richtung Digitales und Anni, dich wollte ich auch nochmal fragen. Wir haben ja über Barrieren gesprochen. Siehst du auch positive Entwicklungen in den letzten Jahren? Hat sich irgendwas für dich auch konkret verbessert?
Ann-Cathrin Hompesch
Auf jeden Fall. Durch die Corona-Zeit hat sich wirklich sehr viel verändert. Es gibt immer mehr Online-Gebote in Gebärdensprache. Es gibt die Möglichkeit von Zoom-Konferenzen, technische Plattformen, die wir nutzen können. Dadurch, dass gefühlt alle Menschen zu Hause gesessen haben, gab es auch sehr, sehr viele neue Ideen und kreative Ideen, wie auch gehörlose InfluencerInnen, die sich in diesen Zeiten entwickelt haben, zum Beispiel, wie ich erzählt habe, bei Instagram. Aber, wie du schon bereits gesagt hattest, das sind Gehörlose unter Gehörlosen. Also nach wie vor die Welt der Hörenden ist uns wirklich noch weitestgehend verschlossen. Da gilt es noch vieles nachzuholen.
Dennis Bruder
Ja, das ist sicherlich wünschenswert, dass diese Barrieren dann auch durchbrochen werden. Ich kann es übrigens auch aus persönlicher Sicht ganz gut sagen, dass Corona echt so einen Push für viele Menschen mit Behinderung gegeben hat. Also ich habe ja selber auch eine körperliche Einschränkung und ich profitiere auch ganz stark davon, dass man jetzt Termine auch einfach per Videocall machen kann und nicht immer überall hinfahren muss. Und da gibt es viele Zielgruppen, die davon profitieren. Genau, das ist nur mal ein kleiner Exkurs. Du hast ja gerade gesagt, dass es wünschenswert wäre, dass eben diese Schranke dann doch noch durchbrochen wird. Was hast du denn für Tipps an hörende Menschen oder Plattformbetreiber oder Unternehmen, egal was, im digitalen Raum? was man tun kann, um inklusiver zu werden.
Ann-Cathrin Hompesch
Sinnvoll wäre es natürlich, auf jeden Fall mehr Gebärdensprachangebote auch in den digitalen Raum zu bringen, aber auch für alle Hörenden, Gebärdensprache zu lernen, sich GebärdensprachdozentInnen zu holen, um das zu lernen, sich visueller aufzustellen, auch keine Angst zu haben, in Kontakt mit... Gehörlosen zu treten.
Dennis Bruder
Hast du da irgendwie gute Tipps, wo man sich jetzt, wenn man jetzt zum Beispiel interessiert ist, wo man sich erstmal informieren kann? Gibt es irgendwelche guten Plattformen, Webseiten oder Anlaufstellen, wo ich jetzt zum Beispiel als hörender Mensch, wenn ich jetzt Gebärdensprache lernen will oder mich mit dem Thema genauer beschäftigen will, an die ich mich wenden kann?
Ann-Cathrin Hompesch
Also es gibt zum Beispiel als erste Möglichkeit immer den Kontakt auch zum Deutschen Gehörlosenbund. Da gibt es viele Informationen, die man sich holen kann und dann weitergeleitet werden kann, auch zum Beispiel an Landesverbände oder andere Informationsstellen. Die Landesverbände sind dann ja in den unterschiedlichen Bundesländern vernetzt und da kann man dann für sich entsprechende Angebote finden, wie zum Beispiel auch Gebärdensprachkurse oder ähnliches, Gebärdensprachangebote. Was natürlich auch möglich wäre, die Gehörlosenzeitung zu abonnieren. Dort gibt es, diese Zeitung ist auch sehr informativ. Oder Instagram, genau. Zum Beispiel die, was ich schon erzählt habe, die Organisation Hand drauf hat auch sehr, sehr gute Angebote. Und es gibt im Netz, gibt es sehr viele unterschiedliche Angebote.
Dennis Bruder
Okay. Gibt es denn zum Abschluss noch irgendetwas? was ihr sagen wollt, was wir noch vergessen haben, in der Sendung unterzubringen.
Ann-Cathrin Hompesch
Ja, also ich hatte ja schon gesagt, wir werden Sprache lernen, aber dass alle Homepages barrierefrei zugänglich sind. Homepages, Apps und so weiter. Also alles, was es angeboten wird im digitalen Raum, auch für gehörlose, taube Menschen bereitgestellt wird. Wie zum Beispiel auch dein Podcast, dass der auch zum Beispiel von uns Gehörlosen wahrgenommen werden kann. Also wir machen jetzt so einen schönen Podcast. Aber den würde ich mir vielleicht auch, wenn ich ihn nicht anhören kann, vielleicht mir ansehen.
Sabine Broweleit
Ich finde den Hinweis von Anni gut in Bezug auf barrierefreie Zugänglichkeit dieses Podcasts. Wir haben gesehen auf deiner Homepage oder auf eurer Homepage, Dennis, dass es zumindest eine Verschriftlichung gibt. Und das ist ja zumindest schon mal ein Schritt dahin, dass man sagen kann, okay, man kann es nachlesen. die zur Verfügungstellung der Informationen in Schriftsprache angeht, für einen gehörlosen Menschen, das war ja auch gerade schon Thema. Aber zumindest ist es möglich, dass man nachlesen kann.
Dennis Bruder
Ja, da haben wir tatsächlich auch noch Nachholbedarf. Also wir schauen schon immer, dass wir ein Transkript anbieten und wir haben auch gewisse Sektionen in Gebärdensprache, aber auch da sind wir, wie viele andere, schon noch ein paar Schritte davon entfernt. gut auch für die gehörlosen Community die Angebote zu präsentieren.
Sabine Broweleit
Ja. Ich habe zum Schluss auch noch einen Wunsch, den ich gerne äußern würde, was das Thema angeht, dann wirklich etwas für die Inklusion gehörloser Menschen zu verbessern. Ich würde mir wünschen, dass es unter hörenden Menschen weitaus bekannter ist, dass es unsere Dormatch-Dienste gibt. Denn unsere Unsere Kunden, gehörlose Menschen, die unseren Dolmetschdienst nutzen und das erste Mal bei einem hörenden Menschen anrufen, stoßen da auch auf Barrieren. Bis hin dazu, dass Hörende sagen, was ist das denn? Wer sind Sie? Ist das jetzt ein Fake-Anruf? Wollen Sie mir irgendetwas verkaufen? Oder man ruft bei seiner Bank an und die Bank sagt, wir geben keine Auskunft, weil wer ist denn diese dritte Person? Jetzt hier in unserem Setting als Beispiel, wer ist Susanne Dürkop? Die ist ja keine Kundin. Und das wäre klasse, wenn gehörlose Menschen nicht immer in der Situation wären, erklären zu müssen, dass sie über einen Dolmetschdienst telefonieren. Und dafür würde die Steigerung der Bekanntheit, dass es so einen Dolmetschdienst gibt, mit Sicherheit im hörenden Bereich dazu beitragen, dass man als gehörloser Mensch nicht immer in so einer Erklärungsnot ist.
Dennis Bruder
Okay, dann bin ich auch schon am Ende der Sendung und ich wollte mich bei euch allen bedanken, dass ihr so eine schöne, lebendige Sendung daraus gemacht habt.
Ann-Cathrin Hompesch
Sehr gerne. Ja, sehr gerne. Vielen Dank auch an dich.
Dennis Bruder (Outro mit Musikuntermalung)
Das war es auch wieder mit dieser Folge von Barrierelos, dem Podcast zur digitalen Barrierefreiheit. Wenn Ihnen die Folge gefallen hat, würden wir uns sehr über ein Like oder ein Kanalabo freuen. Alle Links zur heutigen Folge finden Sie wie immer in den Shownotes dieser Sendung. Wenn Sie selbst Fragen zur digitalen Barrierefreiheit haben, zögern Sie nicht, uns über die Webseite www. beratungsstelle-barrierefreiheit.de zu kontaktieren. Dann bis zur nächsten Folge von Barrierelos.
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